Neulich war ich mit meinem Sohn in Auschwitz.
Ursprünglich – eigentlich schon seit Jahren – wollte ich mit ihm in die Gedenkstätte des KZ Buchenwald – dort war ich 1982 mit meiner Klasse im Rahmen der Jugendstunden in Vorbereitung auf unsere Jugendweihe. Ich finde es gut, dass damals der Besuch einer solchen Gedenkstätte ein (fast) schulischer Bestandteil war. Am tatsächlichen Ort derartigen Grauens zu stehen ist etwas anderes, als darüber zu lesen oder eine Dokumentation zu sehen.
Den Anstoß gab ein Kollege, der während seines Urlaubs in Polen Auschwitz besucht hatte und sehr ergriffen berichtete. Kurzentschlossen (mein Sohn hat Semesterferien) legten wir einen Termin fest, buchten Übernachtung und Führung und fuhren hin. Ich muss gestehen, dass mich auf der Hinfahrt ein zunehmend beklemmendes Gefühl begleitete.
Die Führung begann im alten K.L. Auschwitz I, dem sog. Stammlager, das seit Mai 1940 als Konzentrations- und Arbeitslager diente. Wir passierten das Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“. Arbeit bedeutete hier eine durchschnittliche Überlebensdauer von 4-6 Monaten, wenige hielten länger als ein Jahr durch, andere nur wenige Wochen. Eine umfangreiche Galerie mit Fotos der Gefangenen mit Haftbeginn und Sterbedatum zeigt das. In Auschwitz I machten sich die Nazis noch die Mühe, all diese Daten zu erfassen.
Wir sahen Folterkammern, Zellen mit 90x90cm Fläche für vier(!) Gefangene (24h Stehfolter in absoluter Dunkelheit), die Gaskammer mit Verbrennungsöfen… Man experimentierte im Stammlager mit verschiedenen Tötungsmethoden – hinsichtlich Effizienz und Minimierung der psychischen Belastung für die Ausführenden. (Es fällt mir schwer, diese Worte einfach so hinzuschreiben.)
Danach besuchten wir Auschwitz II – Birkenau, ein Lagerkomplex für unglaubliche 100.000 Gefangene. Wir sahen das berüchtigte Gebäude mit der Einfahrt für die Deportations-Züge und gingen schließlich den Weg von der Rampe direkt in den unerwartet kleinen Teil des Lagers, wo die Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft vernichtet wurden.
Wir sahen immense Berge von zurückgebliebenen Gegenständen der Ermordeten: Koffer, Brillen, Schuhe, Geschirr – und einen Teil der 2 Tonnen Zöpfe, menschliche Haare, die im Lager nach der Befreiung gefunden wurden.
Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum die Menschen einfach so aus den Zügen in die Gaskammern liefen. Unser Guide erklärte den perfiden Grund: ihnen wurde ein neues Leben an einem neuen Ort versprochen, wohin sie nach einem kurzen Lageraufenthalt gelangen sollten. Diesen erhofften Aufbruch in ein neues Leben zeigten die mitgebrachten Haushaltsgegenstände und die sorgsam beschrifteten Koffer. Wir sahen Fotos von Erwachsenen und Kindern auf dem Weg zur „Desinfektion“ unmittelbar vor ihrer Vernichtung – in ihren Gesichtern war keinerlei Panik zu sehen.
Bei der Begegnung mit anderen Besuchergruppen hatte ich ein unbehagliches Gefühl, zur Gruppe mit der Führung in deutscher Sprache zu gehören. So habe ich noch niemals und nirgendwo vorher aufgrund meiner Nationalität empfunden.
Ich bin weit nach den Geschehnissen während des 2. Weltkrieges geboren. Ich empfinde keine Schuld. Ich empfinde eine extreme Abscheu und unheimlich große Scham darüber, dass Urheber und Ausführende dieser wahnsinnigen Verbrechen Menschen waren, die dieselbe Nationalität hatten wie ich.
Es war richtig und wichtig, diese Stätte mit eigenen Augen zu sehen und auf dem Platz zu stehen – wahrscheinlich nicht mehr als 2 Hektar – auf dem industriell über 1 Mio Menschen ermordet wurden. Über 1 Mio. Menschen.
Mein Sohn sagte, keine Erzählung oder noch so häufiges Wiederholen der Notwendigkeit des Erinnerns ersetzen die Gefühle, die dieser Ort in einem hervorbringt. Und dann sprachen wir darüber, wie so etwas geschehen konnte.
„Auschwitz did not suddenly fall from the sky“ – dieses Zitat hatte ich irgendwo im Lager gelesen, ich erinnere mich nicht, von wem es stammt. Wie fing es an?
Die goldenen Zwanziger mit einem Wirtschaftsboom und der Blüte von Kunst, Wissenschaft, Entertainment und Zerstreuung mit anschließendem Crash, bald die ersten hörbaren Stimmen mit unbehaglichem Inhalt. Sie nutzten geschickt soziale Spannungen, irgendwann waren sie hoffähig geworden und erstickten schließlich alle anderen Meinungen in ihrer politischen Radikalisierung.
Vielleicht sprachen sie „dem Volk“ aus der Seele wie wir es auch heute von Politikern erleben. Und dann geschah das Unvorstellbare.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dieser extreme Teil der Geschichte wiederholen wird, aber bei den Anfängen erkenne ich einige erschreckende Parallelen zu unseren heutigen Zwanzigern. Besonders die immer lauter werdenden Stimmen, die soziale Spannungen nutzen, um Zwietracht und Hass zu säen.
Es wird immer Unterschiede zwischen Menschen und Völkern, unterschiedliche Weltanschauungen und Lebensweisen geben. Ich empfinde das als bereichernd und interessant, gleichzeitig auch als normal und keineswegs nationalistisch, sich zu seiner Herkunft zu bekennen und sich besonders und zuerst um das Wohlergehen der eigenen Umgebung zu kümmern. Dieses Verhalten hat uns Menschen bis heute überleben lassen. Es darf jedoch aufgrund von Unterschieden kein Hass entstehen. Vorsicht, Skepsis, gewählter Abstand sind in Ordnung, solange sie mit Toleranz einhergehen. Hass ist das destruktivste und gefährlichste Gefühl, das darauf gerichtet ist, anderen bewusst zu schaden. Hass dürfen wir niemals zulassen.



