Neulich las ich Gedanken von Gabor Steingart (ehem. Chefredakteur Handelsblatt) über Erscheinungen des heutigen Journalismus am Beispiel des Amtsenthebungsverfahrens gegen Trump. Wahre Worte, er spricht mir aus dem Herzen (Zitat folgt). Es geht dabei nicht um den Inhalt (also ob das Verfahren richtig ist oder nicht), sondern um den immer offener zutage tretenden Meinungsjournalismus.
Seit langem beobachte ich, wie unsere „Nachrichten(!)“sendungen zu Interviewveranstaltungen verkommen. Fakten/Tatsachen/Geschehnisse, die eigentlich im Mittelpunkt einer Nachrichtensendung stehen müssten, geraten in den Hintergrund und werden – wenn überhaupt – nur kurz erwähnt. Den meisten Raum (weit über 75% – ich habe es über einige Zeit und bei verschiedenen Radio-/TV-Sendungen tatsächlich gemessen) erhalten die Meinungen von Politikern und Parteigremien zu den jeweiligen Geschehnissen. Und natürlich kommen überwiegend diejenigen zu Wort, die dagegen sind. Harmonie verkauft sich schlechter.
Erzeugt wird diese ständig abnehmende Qualität der Berichterstattung von Journalisten, die ihre Rolle gänzlich missverstehen. Sie wollen nicht mehr Berichterstatter, sondern Akteure sein.
Als eine weitere gefährliche Erscheinung empfinde ich den gigantischen Medienfilter, durch den wir die Geschehnisse im Land und in der Welt konsumieren (müssen). Was uns als die Gefahr der sozialen Medien bekannt ist, nämlich dass man sich bei regelmäßigem Konsum über kurz oder lang unweigerlich nur noch in Räumen mit Gleichgesinnten bewegt – also die Welt gefiltert dargestellt bekommt – geschieht in ähnlicher Weise in den Medien, indem Themenwahl und Tenor nie oder nur selten den Rahmen der „political correctness“ verlassen.
Eine Diskrepanz zwischen Berichterstattung und wahrgenommener Lebenswirklichkeit mag jeder Mensch unterschiedlich stark empfinden. Mit großer Sicherheit werden sich der Presse kaum Lügen nachweisen lassen, aus dieser Perspektive ist der Begriff „Lügenpresse“ schlicht falsch. Als Kind habe ich jedoch gelernt, dass man „immer die ganze Wahrheit sagen muss“ – ansonsten habe man dennoch gelogen. Ich bin im Osten sozialisiert, kann mir aber nicht vorstellen, dass diese Tugend den Kindern im älteren Teil der BRD nicht ebenso beigebracht wurde. Auch vor Gericht gilt meines Wissens nach gleiches (…die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit…).
Dieses traditionelle Verständnis des Wahrheitsbegriffes vermisse ich in den Medien, und offensichtlich empfinden dies nicht unbedeutende Teile der Bevölkerung ebenso. Ein weggelassener Aspekt eines Sachverhalts ist eben nicht nur weggelassen, sondern gelogen. Das Zeigen von wenigen brüllenden Idioten, während die Kameras tausende friedliche Demonstranten ignorieren, ist eben keine besonders akzentuierte Darstellung, sondern gelogen. Das unterschwellige Werten von „guten“ Politikern durch die Anwendung freundlicher, positiver Attribute und im Gegensatz dazu die Verwendung abwertender, negativer Worte für die „Bösen“ (die dies nur deshalb sind, nur weil man (=Journalist/in) sich ihnen nicht zugetan fühlt) ist eben keine journalistische Freiheit, sondern im Zweifel eine Lüge. In jedem Falle ist es jedoch eine unzulässige journalistische Minderleistung, die uns zum Beispiel am US-Wahlabend 2016 aus allen Wolken fallen ließ, weil es außerhalb deutscher Vorstellungen lag, Hillary Clinton würde es nicht ins Weiße Haus schaffen. Das Bild, das unsere Medien von der amerikanischen Wirklichkeit zeichneten (und noch immer zeichnen), ließ die tatsächliche Realität einfach nicht in unsere Köpfe.
Was mich zurückbringt zu Donald Trump und Steingarts Text. Hier also das Zitat:
„Die deutschen Medien sind – wenn’s um Trump geht – nahezu unisono ins Lager der Aktivisten gewechselt. Neugier wird durch Haltung, journalistische Unabhängigkeit durch verbalen Aktionismus ersetzt.
► Für den „Spiegel“ scheint das Ergebnis des Prozesses bereits festzustehen: „Der Deal zu viel”, lautet die Titelzeile. Im Leitartikel, überschrieben mit dem Wort „Endlich“, heißt es: ‚Wenn man nicht gegen Trump ein Amtsenthebungsverfahren einleitet – gegen welchen Präsidenten dann?‘
► Endzeitvorfreude auch in der „Süddeutschen Zeitung“: Die Präsidentschaft von Trump erfahre nun ihr „logisches Finale“, schreibt der sonst so kühle außenpolitische Kopf der Zeitung, Stefan Kornelius. Seine Überschrift: „Attacke!“
► In der „Welt“ feuert Ressortleiter Clemens Wergin ebenfalls die Demokraten zum unbedingten Widerstand an: ‚Gegen den irrlichternden amerikanischen Präsidenten muss staatspolitisch vorgegangen werden.‘
So klingen Aktivisten, nicht Journalisten.“
